Videospiele haben ein Sexismus- UND Selbstkritik-Problem

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Diskussionen im Netz sind starker Tobak. Zartbesaiteten oder im Profi-Haten weniger versierten Zeitgenossen kann da schon mal ein spontanes „What the fuck?“ entfleuchen. Wer dazu einige Beispiele sehen will, muss sich nur mit der Arbeit von Medienkritikerin Anita Saarkesian beschäftigen und wird mit handfesten Morddrohungenfür tausende Dollar finanzierte Hetzkampagnen und feinster Forentrollerei belohnt.

In ihrem 2012 per Crowdfunding finanzierten Video-Blog-Projekt „Tropes vs. Women in Video Games“ analysiert sie, wie Frauen in Videospielen dargestellt werden. Ursprünglich waren fünf Teile geplant, aufgrund des großen Erfolges auf Kickstarter wurde die Webserie auf 12 Themenbereiche ausgeweitet. In den einzelnen Teilen (die teils aus mehreren Videos bestehen) widmet sich Saarkesian verschiedenen Stereotypen in Videospielen: Frauen als wehrlose Opfer („Damsel in Distress“), Frauen als Hintergrund-Deko, Frauen als sexy Sidekick, Frauen als sexy Bösewichte oder Frauen als kämpfende Sex-Gespielinnen („The Fighting F#@k Toy“).

Die Herangehensweise an das Thema ist zwar nicht wissenschaftlich, unterscheidet sich aber nicht sonderlich von dem, was beispielsweise in der Rassismusforschung seit Jahrzehnten praktiziert wird: aussagekräftige Beispiele recherchieren, diese Kategorisieren und die dahinter liegenden Klischees und Rollenbilder dekonstruieren und aufzeigen. In einem Politikwissenschafts-Seminar habe ich mich vor einigen Jahren intensiver mit Jack G. Shaheen und seinem Dokumentartfilm bzw. Buch „Reel Bad Arabs“ auseinandergesetzt. Shaheen schaute sich laut eigener Aussage alle Hollywood-Filme an, in denen Araber oder Araberinnen vorkommen.

Das Ergebnis: In 900 Filmen wurden arabische oder arabischstämmige Charaktere 50 mal neutral und 5 (!) mal positiv dargestellt.Film-Stereotypen gegenüber Schwarzen den Kampf angesagt hätten, das Feindbild Araber aber seit jeher okay war und noch immer ist. Gleichzeitig gibt es auch keine wirkliche Asiaten-Lobby, weshalb der gebrochen englisch sprechende, witzig-infantile Chinese zum Standardrepertoire von pseudowitzigen Hollywood-Komödien gehört.

Kritisieren und Reflektieren nicht erwünscht

Als jemand, der als 5-Jähriger einen NES bekommen hat und von Super Mario Bros. richtig geflasht wurde, kam ich also bereits da mit dem Motiv der „Damsel in Distress“ in Berührung. Mir war es damals zwar wahrscheinlich egal, dass Peach in einem anderen Schloss ist, aber egal. Fakt ist, dass mir auch zu den restlichen Stereotypen sofort passende Spiele einfallen. Und ich behaupte mal jedem, der halbwegs Ahnung hat, auch. Wer sich das vorbehaltlos eingestehen kann, hat schon mal mehr Talent zur Selbstreflexion als die Mehrheit der Zielgruppe „Gamer“ im Netz. Denn was auf Facebook, Twitter und Youtube abgeht, lässt sich mit „Shitstorm“ nicht mir wirklich umschreiben. Genauere Einzelheiten gibt es unter anderem hierhier, hier oder hier nachzulesen.

Während Spieleentwickler wie Volition Saarkesian recht geben, wagen es die meisten verbliebenen Videospiele-Webseiten in selten dämlichen Kommentaren nicht, ihre großteils zu Youtube abgewanderte Zielgruppe zu vergraulen. Interessant auch eine Diskussion zu diesem Thema, die ich auf Facebook mitbekommen habe: ein Mitarbeiter des größten deutschsprachigen Spielemagazins (Verlinkung spare ich mir) meinte, dass sie erst gar nicht über derartige Themen ausführlich berichten, weil ihre Leser ohnehin Idioten seien und nur infantile Kommentare absondern würden. Okay …

Es ist jedenfalls unglaublich, wie viel Energie selbsternannte „Gamer“ darin investieren, die Punkte von Saarkesian zu kritisieren, die eigentlich jeder halbwegs vernünftige denkende Mensch als legitim anerkennen müsste. Natürlich werden zur Untermauerung der Thesen die schlimmsten Beispiele herangezogen, gleichzeitig wurde aber auch das Video „Positive Female Characters!“ angekündigt … wie gesagt, ist ja eine fortlaufende Web-Serie.

Kritik am Medium Videospiele wird von seiner Kern-Zielgruppe offenbar nicht hingenommen. Dass sich diese ohnehin nicht erwünschte Kritik nun mit Frauen beschäftigt und noch dazu von einer Frau geäußert wird, macht es offenbar noch schlimmer. Die Frage, ob es in der Videospiele-Community ein Sexismus-Problem gibt, stellt sich meiner Meinung nach gar nicht. Es gibt generell ein riesiges Problem mit Kritikfähigkeit, es gibt ein Problem mit Umgangsformen im Netz und es gibt ein Sexismus-Problem auch außerhalb von Games …  sowohl im Internet als auch im echten Leben. Wer sich das nicht eingestehen will und kritisch reflektieren kann, ist selbst Teil des Problems. Ich liebe Videospiele. Ich liebe sie mit 28 mehr denn je und ich stehe dazu. Gleichzeitig gibt es genug, das ich am Medium und allem drumherum für kritikwürdig halte. Das ist kein Widerspruch, sondern gut so.

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