Warum Apple, Google und Co. am iCloud-Hack eine Mitschuld trifft und Victim-Blaming scheisse ist

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Dass im Netz kürzlich Nacktfotos von diversen weiblichen US-Promis aufgetaucht sind, dürfte wohl jeder, der die letzten Tage nicht komatös hinter einem Stein verbracht hat, mitbekommen haben. Nachdem sich klickgeile Medien, notgeile Forenmitglieder und jeder zweite Facebook- und Twitter-Nutzer in der ein oder anderen Form am „The Fappening“ beteiligten, machte sich schon am Tag danach berechtigterweise Katerstimmung breit.

 

Die betroffenen Frauen äußerten sich auf Twitter wie im Fall von Kirsten Dunst zerknirscht, Jennifer Lawrence drohte hingegen aus gutem Grund mit dem Anwalt.

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Besonders bitter ist, dass die Bilder wohl automatisiert vom iPhone in die iCloud geladen wurden. Das deckt sich auch mit Statements, wonach selbst Dateien im Netz aufgetaucht seien, die vom iPhone der betreffenden Personen längst gelöscht waren.

„Selbst Schuld, wenn man Nacktfotos auf dem iPhone oder in der iCloud speichert“ greift in diesem Fall als Resümee definitiv zu kurz und tut den ausschließlich weiblichen Opfern des Hacks auf mehreren Arten Unrecht. Denn: Ein unrechtmäßiges Eindringen und Herunterladen von privaten Fotos oder Videos ist kein Kavaliersdelikt, sondern digitaler Diebstahl. Ähnliche Formen der Täter-Opfer-Umkehr sind des Öfteren bei Sexualstraftaten anzutreffen, nach dem Motto „hätte sie sich nur nicht so sexy angezogen“. Wie es den betroffenen Frauen damit geht, dass private, schon wieder gelöschte und teils wohl nicht mal mit dem eigenen Smartphone aufgenommene Fotos im Netz landen, juckte in Foren wie 4chan oder in diversen Medien-Klickschuppen nicht wirklich jemanden. Erst seit gestern gibt es beschwichtigende Artikel, die (nachdem erst mit dem Clickbait-Zeigefinger draufgehalten wurde) zur visuellen Enthaltsamkeit aufrufen.

Dabei ist diese Form von öffentlicher zur Schau- und Bloßstellung keineswegs ein Problem, das plötzlich aufgetaucht ist und nur Promis betrifft. Das Versenden von Nacktfotos ist unter Teenagern und jungen Menschen kein großes Ding, Apps wie Snapchat animieren mit ihren als zentrale Features eingebauten Selbstzerstörungs-Mechanismen indirekt sogar dazu, entsprechendes Material digital zu versenden. Dass die Inhalte aber dennoch auf Servern gelagert und vom Gegenüber theoretisch ohne größere Mühen gespeichert werden können, bedenken die Wenigsten. Und warum auch: Snapchat und ähnliche Apps werben damit, Anonymität zu bieten. Genau wie Apple quasi ungefragt Backups von Fotos und Videos anlegt und dabei unbewusst dem Nutzer oder der Nutzerin Sicherheit suggeriert … ist ja nicht irgendeine Cloud, sondern die des reichsten Unternehmens der Welt. Dazu kommt: Nicht einmal versierte Nutzer und Nutzerinnen wissen in der Regel spontan, wie die iCloud-Anbindung vollständig deaktiviert werden kann.

Wenn der Hack so abgelaufen ist, wie aktuell vermutet wird, konnten die einzelnen iCloud-Accounts durch eine relativ simple Sicherheitslücke beim „Find My iPhone“-Feature gehackt werden. Die Lücke wurde von Apple mittlerweile zwar geschlossen, dennoch kommt das Ganze zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt: Der Release des iPhone 6 steht kurz bevor, mit iOS 8 verzahnt Apple iPhones und iPads so eng wie noch nie mit seinen abgeschotteten Cloud-Diensten. Zudem soll Gerüchten zufolge ein NFC-Bezahldienst gepusht werden – seriös und verlässlich sieht anders aus. Hier könnte Apple also einen richtig schweren Stand haben und wird PR-technisch wohl kräftig gegensteuern müssen, um die Wogen in den kommenden Wochen zu glätten.

Was man meiner Meinung nach aus dieser Geschichte mitnehmen sollte, ist ein verstärktes Gespür dafür, welche Schattenseiten es bei der (bewussten oder unbewussten) Nutzung von Cloud-Diensten und allgemein Gadgets wie Smartphones geben kann. Für mich ist es übrigens völlig unverständlich, warum Apple, Dropbox, Facebook, Google und Co. nicht schon längst Two-Way-Authentification-Systeme viel stärker ins Bewusstsein rücken und im Idealfall sogar verpflichtend einführen. Ein entsprechendes Feature zu aktivieren, ist bei allen problemlos möglich, allerdings muss man dazu erst verschachtelte Menüs und FAQs durchforsten.

Nachtrag: Anscheinend wurde für den Hack die Software EPPB benutzt, die auch von Regierungsstellen und der Polizei zur Überwachung eingesetzt wird. In diesem Zusammenhan ist folgender Auszug aus einem neueren Snowden-Interview mit dem Guardian zur Arbeitsweise von NSA-Mitarbeitern interessant:

„In the course of their daily work, they stumble across something that is completely unrelated in any sort of necessary sense – for example, an intimate nude photo of someone in a sexually compromising situation. But they’re extremely attractive. So what do they do? They turn around in their chair and they show a co-worker. And their co-worker says, ‘Oh, hey, that’s great. Send that to Bill down the way’, and then Bill sends it to George, George sends it to Tom, and sooner or later this person’s whole life has been seen by all of these other people.”

Und dann noch ein Auszug aus der offiziellen iCloud-Hilfe:

„Außerdem sichert iCloud Ihre iOS-Geräte, hilft Ihnen, verloren gegangene Geräte wiederzufinden und bietet eine einfache Fotofreigabe. Mit diesen Funktionen wird iCloud zum nützlichen Begleiter, ganz gleich, ob Sie über ein oder mehrere Apple-Geräte verfügen.“

Prost, Mahlzeit.

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